Rückblick

There and back again

Das Leben geht verworrene Wege um Klarheiten zu schaffen und selbst wenn man glaubt nun endlich klar sehen zu können wird in der Ferne immer der Dunst von Ungewissheit über den Dingen liegen – aber eine Sache sehe ich heute deutlicher denn je:
Ich musste Berlin erst verlassen um zu erkennen wie sehr ich diese Stadt liebe.

Ich war 5 oder 6 Jahre alt als meine Mutter mit mir nach Berlin zu meinem (Stief)Vater zog.
Ich wollte das nicht. Weder den Umzug, noch den neuen Mann in unserem Leben und vor allem wollte ich meine Freunde nicht verlassen – ich hatte aber keine Wahl.
Also saß ich da nun, mitten in Kreuzberg – Oranienplatz (kennt man aus den Nachrichten zum 1. Mai) – weit weg von allem was mir lieb war.

Wir suchten unsere Definition als Familie, der Vater fing an sich selbstständig zu machen, die Mutter versucht sich als Heilpraktikerin und ich? Ich ging zur Schule und weil ich aus einem linken, kreativen, Gründerhaushalt kam und nichts „normal“ war, war ich der Freak der Klasse und das perfekte Mobbingopfer. Super Voraussetzung um sich mit dieser verrückten Stadt anzufreunden.

„Wenn ich groß bin, ziehe ich hier weg! Ich hasse Berlin!“

Ich weiß nicht wie oft ich diese Worte jedem ins Gesicht gespuckt habe, der mir von den Vorteilen dieser Metropole vorgeschwärmt hat, aber es muss oft gewesen sein.

Und irgendwann ergab sie dann tatsächlich die Chance – ich konnte die Stadt verlassen in der ich mich verschluckt fühlte. Die mich unterdrückt hat, zu viele Möglichkeiten für einen kleinen Menschen wie mich, der an die Hand genommen werden wollte.
Laut. Stinkend. Chaotisch.

Das es am Ende die Stadt Essen im Ruhrgebiet wurde war wohl eher ein ungewöhnlicher Umstand. Düsseldorf, Hamburg, Köln – Orte die wahrscheinlich logischer gewesen wären. Aber es war die Zeit des chattens, des „Menschen im www kennenlernens“ und ich lernte jemanden kennen der eben aus Essen kam. Mit 18 also aus der Weltmetrople ins Ruhrgebiet, von dem ich irgendwann mal etwas im Geschichtsunterricht gehört habe.

Trennungen, Menschen kennenlernen, Praktika, Ausbildung, Arbeit ein ganz normales Leben in einer kleinen, konservativen Stadt an der Ruhr. Schneller als gedacht, kam das Heimweh. Die Zeit zwischen den Besuchen in Berlin fühlte sich unrealistisch an.
Warten. Feiern. Arbeiten. Zerstreuung.

Endlich wieder Urlaub und ab nach Berlin. Atmen können. Ich sein. Entspannung, untergehen in der Masse und akzeptiert werden für jeden chaotischen Gedanken.
Und dann wieder zurück und die Zeit überbrücken bis zum nächsten Mal. Und immer wieder dunkle Löcher voll Heimweh und Tränen.

Ich musste erst in mir wachsen um mich dieser Stadt zu stellen.

Es gab viele Stationen in denen ich hätte zurück ziehen können.
Nach dem ersten Praktikum, dem Versagen in der Fachoberschule, nach dem Ende der Ausbildung aber immer gab es Gründe, doch noch nicht die Koffer zu packen.

Letztes Jahr ging es dann doch endlich zurück. Im Gepäck: mein Mann und eine dicke Kugel voll Baby.
Eventuell ist es wie mit allen Dingen: alles hat seine Zeit und entwickelt sich so, wie es am besten funktioniert.

Wie es sich hier weiter entwickeln wird, erwarten wir voller Spannung.
Nun kommt erstmal der Frühling, dann der Sommer und wir können meine alte, neue Heimat entspannt kennenlernen und lassen das Leben hier auf uns zu kommen.

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